Karriere geht auch mit Hauptschulabschluss

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Staatssekretär Georg Eisenreich (CSU) ist beim bayerischen Bildungs- und Wissenschaftsministerium unter anderem für die berufliche Bildung zuständig. Auf Einladung seines Parteifreundes und Landtagskollegen Steffen Vogel kam er am Freitag zu einem Gespräch in den Landkreis Haßberge. Hier nahm er sich Zeit, um mit Vertretern verschiedener Organisationen und Einrichtungen, die das Thema betrifft, zu diskutieren und Ideen auszutauschen. Unter dem Motto „Werkstattgespräch“ trafen sich die Teilnehmer der Runde in der Holzwerkstatt der Heinrich-Thein-Schule in Haßfurt.

„Es wäre falsch, die Qualität der Bildung an der Zahl der Abiturienten festzumachen“, sagte Steffen Vogel zu Beginn des Gesprächs. Sein Anliegen sei nicht, dass jeder studiert, sondern auch, dass eine gute berufliche Bildung angeboten wird.

 

Zunächst stellte Schulleiterin Heidrun Görtler die Heinrich-Thein-Schule genauer vor. Die Berufsschule und Berufsfachschule hat derzeit 1385 Schüler in 65 Klassen. Als positiv bemerkte sie, dass die Schülerzahlen wieder etwas gestiegen seien. „Es geht langsam, aber es geht nach oben“, sagte sie. Selbst, wenn man die Asylbewerber abzieht, die momentan in Haßfurt unterrichtet werden. Von diesen gibt es momentan 105 an der Schule. Erfreulich sei, so Heidrun Görtler, dass zwischen den Flüchtlingen aus 14 verschiedenen Ländern mittlerweile Deutsch zur Verständigungssprache geworden ist. „Klar, wie sonst soll ein Ukrainer mit einem Araber reden?“, meinte sie. Weiter betonte die Schulleiterin die Bedeutung einer guten Vernetzung und lobte die gute Zusammenarbeit mit dem Landratsamt. Weiter hob sie Besonderheiten und besondere Angebote der Haßfurter Berufsschule hervor. Unter anderem ist die Heinrich-Thein-Schule eine Modellschule im Projekt „Inklusive Berufliche Bildung“. Zudem gibt es hier das Projekt „Abi + Auto“. Dieses bietet jungen Menschen, die ein Abitur haben aber keinen akademischen Beruf anstreben die Möglichkeit einer verkürzten Ausbildungszeit im KFZ-Bereich. So können es die Schüler innerhalb von vier Jahren zum KFZ-Technikermeister und Betriebswirt bringen. Dieses Programm werde gut angenommen, sowohl von Abiturienten als auch von Studienabbrechern, berichtete Görtler. Angeboten werden außerdem Schüleraustausche mit dem schwedischen Lindesberg. Zur Unterstützung der Schüler gibt es den mobilen sonderpädagogischen Dienst und zwei Sozialarbeiterinnen. „Wir waren die zweite Schule in Bayern mit Jugendsozialarbeit“, stellte Görtler die Vorreiterrolle ihrer Schule heraus. Zum Schluss zeigte sie noch Bilder der Außenfassade des Schulgebäudes und wies auf die Nötigkeit einer Generalsanierung hin.

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Staatssekretär Eisenreich hatte an diesem Tag, bevor er nach Haßfurt kam, bereits zwei andere Berufsschulen in Bad Kissingen und Bad Neustadt besucht. Dass er gerade in diese Schulart eingeladen wurde, zeige, dass die berufliche Bildung ein wichtiger Schwerpunkt sei. „Ein wichtiges Ziel ist, dass alle, die in der Bildung zusammenarbeiten, gut vernetzt sind“, sagte er und bezeichnete auch das Gespräch in der Heinrich-Thein-Schule als „Vernetzungstreffen“. Wichtig sei es ihm die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung. „Der Grundsatz hat sich auch in schwierigen Zeiten als richtig erwiesen“, sagte er, bezogen auf eine Phase, in der von vielen Seiten versucht worden sei, möglichst viele Schüler möglichst hohe Bildungsabschlüsse machen zu lassen. In diesem Zusammenhang zitierte er Ministerpräsident Horst Seehofer mit den Worten: „Wir brauchen nicht nur die, die wissen, wie es geht, sonder auch die, die es machen.“

„Ich freue mich, dass die ganzen Netzwerker da sind“, begrüßte auch Landrat Wilhelm Schneider die Gäste der Gesprächsrunde. Er verwies auf das Gütesiegel „Bildungsregion“, das der Landkreis erhalten hatte, sagte aber auch, die Idee dahinter müsse weiterleben. Im Bezug auf die Flüchtlinge, die an der Berufsschule unterrichtet werden, meinte er: „Wir müssen ihnen das Rüstzeug geben, dass sie sich integrieren können.“ Weiter betonte er: „Jeder einzelne ist wichtig.“ Als besonders wichtigen Punkt zur Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten bezeichnete er die Möglichkeit des dualen Studiums, also eines Hochschulstudiums mit Praxisblöcken in Unternehmen. Dies müsse gefördert werden. „Das Problem im Landkreis ist, dass es hier noch zu wenig angenommen wird“, sagte der Landrat. „Ich denke, da ist noch Potenzial da.“

Schulamtsleiterin Uli Brech verwies auf die Rolle des Heimatkreises in einem seit vier Jahren laufenden „Leuchtturmprojekt“, durch das Schüler der Mittelschule in Betrieben Erfahrungen sammeln können und sprach unter anderem von Eltern, die gesagt hätten, ihre Kinder seien dadurch in sehr kurzer Zeit viel erwachsener geworden. Außerdem stärke es die Motivation, wenn die Schüler sehen, wie sie das gelernte anwenden können. Brechs Kollegin Claudia Schmidt betonte, wichtig sei, Abwanderung zu verhindern.

Ein Problem sprach Walter Heußlein, Vizepräsident der Handwerkskammer Unterfranken an. „Wir haben hervorragende Handwerksbetriebe, die keine Auszubildenden finden.“ Grund dafür sei, dass die Betriebe im Landkreis verteilt sind, wobei nicht jeder Ort mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist. Das Problem sei also, wie die jungen Leute ohne Führerschein zu ihrem Ausbildungsplatz kommen sollen. „Wenn ich wieder etwas über den Discobus lese frage ich mich: Bräuchten wir nicht eher einen Bus für Lehrlinge?“, sprang ihm Kreishandwerksmeister Hans-Georg Häfner zur Seite. Landrat Schneider meinte dazu, das Problem sei kaum durch Linienbusse zu lösen, da die Betriebe so verstreut liegen. „Wir brauchen andere Modelle und innovative Ideen“, sagte er. „Das Problem ist erkannt, eine Lösung haben wir noch nicht.“ Auch der Weg vom Wohnort zur Berufsschule sei hier ein Problem.

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Auch das Thema Flüchtlinge spielte in der weiteren Diskussion eine Rolle. BAF-Koordinatorin Bianca Olerich, die für die Integration von Asylanten zuständig ist, betonte, es gebe einige Betriebe, die bereit wären, Flüchtlinge als Auszubildende aufzunehmen. „Die Frage ist: Was kommt danach?“, betonte sie. So brauche es weitere Förderung und Unterstützung, Deutschunterricht und Kenntnisse in der Fachsprache.

Staatssekretär Eisenreich schloss sich an: „Integration funktioniert nur mit einer beruflichen Perspektive.“ Ein weiteres Problem, das einiges an Raum einnahm, war die Stärkung des Ansehens von nichtakademischen Berufen. Der Geschäftsleiter der Agentur für Arbeit in Schweinfurt, Thomas Stelzer, sagte: „Wir sind nur noch ein Reparaturbetrieb, weil Leute studieren, die nicht studieren sollten.“ Von mehreren Seiten wurde kritisiert, dass durch den Wunsch, mehr Leuten einen höheren Abschluss zu ermöglichen, Standards gesenkt worden seien. Das habe vor allem zu einer Abwertung von Haupt- und Realschulabschluss geführt.

Schulamtsleiterin Brech erzählte von Infoveranstaltungen für Eltern von Schülern aus Übertrittsklassen. Eigentlich, so Brech, seien diese dafür da, den Eltern aufzuzeigen, welche Möglichkeiten welcher Schulabschluss bietet. „Aber die Eltern wollen das gar nicht hören. Die interessiert nur: Wie kommt mein Kind aufs Gymnasium?“ Von mehreren Seiten, auch aus den Reihen der Politiker, wurde betont, diesem Trend müsse entgegengewirkt werden. Wichtig sei, den Leuten klar zu machen, dass gute Facharbeiter mehr verdienen können als schlechte Akademiker.

Ich kennen Leute mit Hauptschulabschluss, die gute Karrieren gemacht haben. Und doppelt so viele mit Studium, denen es schlechter geht“, sagte Steffen Vogel.

Artikel und Fotos: Peter Schmieder

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